Vor 4 Tagen hatte es hier im Nordharz endlich mal wieder richtig geregnet. Seit dem ist es nicht wieder trocken geworden. Sehr gut. Zeit zum mähen. Mähen geht nämlich besser, wenn es nass ist, zumindest, wenn man mit der Sense mäht.

Ich mähe morgens 1-2 Stunden und schaffe dabei etwa 300m2, allerdings am Hang und unter Bäumen. Jedes Jahr wird es mehr. Ich werde stärker, vor allem aber geschickter und erfahrener.

Vor 6 Jahren lernte ich die „Vipassana – Meditation“ kennen. Der Lehrer S. N. Goenka lehrte uns diese Tradition, die der Geschichte zufolge die Meditationsform ist, wie sie Buddha lehrte, sehr lange verborgen war und erst seit 50 Jahren wieder in Indien und dann der ganzen Welt Verbreitung fand. Im Vipassana – Kurs wird 10 Tage geschwiegen und etwa 8 Stunden am Tag meditiert. Für mich war das eine Offenbarung. Ich lernte meinen feinstofflichen Körper kennen, mit einer „Technik“ einer „Methode“ die allen modernen wissenschaftlichen Anforderungen gerecht wird, nur, dass man dessen Resultate nicht sehen, aber fühlen und nun auch messen kann.

Ich absolvierte 3 solche Kurse und begleitete zwei weitere. Im ersten Jahr meditierte ich 2 Stunden am Tag. Das lehrte mich sehr viel über mich selbst. Das war enorm wertvoll für mein weiteres Leben. Allerdings bewegt man sich bei der Vipassa-Meditation nicht. (wie bei fast allen Meditations – Formen ) Der Lehrer strahlte eine große Gutmütigkeit aus, hatte aber ein Bäuchlein.

Nach und nach meditierte ich weniger. Erst dachte ich immer, mir fehle die Disziplin, aber da war noch etwas anderes, eine Stimme, die mir sagte, dass es dass nicht sein könne, ewiges Herum-Gesitze mit „Nirwana“, dem „Nichts“, als Fernziel. Und es beginnt konsequenterweise auch gleich damit: „Nichtstun“. Sitzen, nicht bewegen, schweigen (wie in der Schule).

Das warf mir mein Vater auch gleich vor. Du tust ja gar nichts! (Dabei ist er Lehrer und forderte das von seinen Schülern ja auch ein, dieses „nicht bewegen und schweigen“)

Im gewissen Sinne hatte er natürlich Recht.

Ja, wir müssen etwas TUN, wenn wir im Körper leben, dafür haben wir ihn, für die Tat.

Die entscheidende Frage ist aber „Was tun?“. Ein Sozialhilfeempfänger schadet der Umwelt und seinen Mitmenschen weniger als ein arroganter Manager, der machtgierig und geldgeil ist.

Wenn man also nicht weiß, was man Gutes tun kann (und wer weiß das heute schon?) dann sollte man besser gar nichts tun. Und S.N. Goenka rief keineswegs zur Tatenlosigkeit auf. Stolz erzählte er die Geschichte seines Lehrers Sayagyi U Ba Khin. Dieser habe damals in Burma teilweise gleich zwei Ministerien geleitet und die Korruption weitgehend aus diesen Ministerien gedrängt UND Vipassana gelehrt. Meditation richtig verstanden, sollte den Menschen tätiger machen, tätiger für das Gute.

Dennoch habe ich aufgehört mit Vipassana-Meditation im eigentlichen Sinne. Ich „durchwandere“ geistig weiterhin täglich meinen Körper und harmonisiere dadurch seinen Energiefluss.

Nun weiß ich aber auch jeden Tag viele gute Dinge, die ich tun kann. Nebenan ist da zum Beispiel der 5000 m² große Obsthain meiner Nachbarn. Wenn da niemand mäht, sind da in 3 Jahren überall Brombeeren und keiner kommt mehr an das Obst.

Also mähe ich da, vor allem aus Freude, aber auch, weil ich dann das Obst ernten darf.

Was ich dabei entdeckt habe, ist die „Mähditation“ unserer Vorväter.

Jahrtausendelang hielten wir Flächen von Gestrüpp frei, sodass wir auf einer Wiese gehen, ernten, oder auch Gemüse anbauen konnten. Dann kam auch die Viehaltung dazu und wir brauchten immer mehr Heu für den Winter. Bis vor Hunderte Jahren waren die meisten Männer viele Sommer-Morgende mit mähen beschäftigt. Mit einem Sommermorgen meine ich die Zeit zwischen 5 und 8 Uhr, also VOR dem Frühstück. Diese Arbeit mit leerem Magen, in den ersten Stunden des Tages auf einer Wiese im Takt ist eine wahre Wohltat. Ich genieße es so sehr, dass allein der Gedanke daran mich morgens sofort aus dem Bett holt und hinaus trägt. Meist so etwa um 6 Uhr.

Vor zwei Wochen mähte auch mein anderer Nachbar sein Stück und ich sah mit Ärger und Mitleid herüber. Er begann um 9 mit einer Motorsense. Er hatte Helm und Ohrschützer auf, schwere Schuhe und Handschuhe an. Er bekam nichts mit von den Vögeln, roch durch den Benzingestank nichts vom Heu oder der Blüte. Und er musste das schwere Ding 5 Stunden lang bedienen, bis er seine 2000 m² geschafft hatte. Eine eine schwere Arbeit (althochdeutsch arebeit: „Mühsal, Plage“) und eine Qual. Auch für mich, der ich das mit ansehen, anhören und „anriechen“ musste.

Heute morgen war ich wieder draußen, voller Freude, bei meiner Mähmeditation. Ich kann die Stimmen meiner Vorväter in den Ästen der Obstbäume säuseln hören, unter denen ich mähe, rieche die Gräser, die sie rochen, höre die Vögel, die sie hörten. Das heißt für mich Heimat. Das ist meine Meditation, mein Yoga, mein Kraftsport für Körper UND Geist. Da ist nicht mal mehr der Hauch von „arebeit“, sondern Genuss.

Vor 3 Jahren, als ich das mähen und dengeln lernte, war es ziemlich mühsam, so, wie die meisten Menschen heute darüber denken. Die Sense war oft nicht scharf, ich bewegte mich falsch, mähte zur falschen Zeit in die falsche Richtung…

Nun weiß ich, wie es geht. Nun beherrsche ich es so gut, dass ich beim Mähen sogar nachdenken kann und mich am Ende der Reihe fast fragen muss, wie ich das jetzt gemäht habe.

Nach 1-2 Stunden bin ich nicht nur schön warm geworden, sondern auch sehr durchblutet, voller frischen Sauerstoffes und dem Geruch des Morgens. Dann wasche ich mich oft draußen mit kaltem Regenwasser. Herrlich!

Morgen früh werde ich sicher wieder auf der Wiese sein. Leider bin ich in ein paar Tagen fertig mit der Wiese. Na zum Glück wächst es ja wieder.

Felix der Glückliche

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